Elon Musk kommt nicht ins Berghain

Autos haben mich schon immer genervt. Sie verstopfen Straßen, Geh- und Fahrradwege, machen grausliche Luft in Städten und verwandeln Menschen in Monster, die jagt auf Fußgänger und Radfahrer machen. Irgendwo vorne im Auto werden Millionen-Jahre alte zerdrückte Dinosaurier-Überreste zur Explosion gebracht, um einen dicken Menschen umgeben von Tonnen von Blech von A nach B zu bewegen. Super-hässlich sind die Dinger meistens auch noch. Was für ein Quatsch!

Und trotzdem hab ich, wie jeder gute Deutsche einen Führerschein seit ich 18 Jahre alt bin. Man will ja von A nach B kommen. In der Kleinstadt-Welt, in der ich in den 90ern aufgewachsen bin, war das Auto immer die Antwort. Man dachte überhaupt nicht darüber nach wie albern das zum Großteil war, ein paar Beispiele:

Und natürlich gab es Ausnahmen, für Kleinigkeiten ist die Mama zum Supermarkt gelaufen, bei sehr schönem Wetter ist Papa mit dem Rad ins Büro gefahren, ab und zu ist man zur Schule gelaufen. Und später dann eh mit dem Schulbus „in die Stadt“. Aber die Standardlösung für alles war immer: Auto, AUTO, AUTO!!11!!11!!!!

Als ich von Zuhause nach Würzburg umzog hatte ich dieses – bitte entschuldige das Wort – Mindset so sehr in mein Hirn eingebrannt, dass ich 2 Jahre lange eine Strecke von 2,2km mit meinem Nissan von Zuhause ins Büro gefahren bin, mit passender Parkplatzsuche an Start- und Zielpunkt.

Google Maps sagt über die Strecke:

Wie UNFASSBAR dumm, da mit dem Auto zu fahren. Selbst zu Fuß, eine Strecke nur durch den Park, wäre es netto schneller als mit dem Auto. Und fucking 6 Minuten mit dem Rad! Mann, early-2000er Christian what did you do?

Zum Glück bin ich dann irgendwann darauf gekommen, was ich da tue, kaufte mir ein teures Mountainbike, das sofort geklaut wurde, kaufte mir ein billiges Baumarkt Fahrrad, das sofort geklaut wurde und zog nach München, wo mir zum Glück noch nie ein Fahrrad geklaut wurde. Crime-Hotspot Unterfranken, beware!

München machte mich endgültig zum (Kampf)radler. In der Stadt Autofahren ist komplett sinnfrei, wirklich alles geht schneller mit dem Radl oder den Öffis (ok, ich war nie auf die S-Bahn angewiesen, das ist eine andere Story). Ich hatte viele Nahtot-Erlebnisse auf Münchens Straßen, einmal landete ich sogar im Krankenhaus, aber unterm Strich wars für Fitness und Sanity deutlich besser, aufs Rad statt aufs KFZ zu setzen.

Wenn ich heute meine Mutter in der alten Heimat besuche und „in die Stadt“ will, setzte ich mich auf mein Klapprad und bin in 15 Minuten am Marktplatz.

Jetzt aber zurück zu meiner persönlichen Auto Historie:

Das Dachzelt hat das Auto erst richtig gemütlich gemacht. Hier irgendwo in Schweden.

Ganz ohne Auto ist bei meinem Lebensstil leider (noch) nicht möglich. Die letzten beiden Jahre waren extrem, da ich unfassbar viel in Europa unterwegs war und so trotz Pandemie ziemlich gut rumgekommen bin. Aktuell mache ich viel mit dem Deutschlandticket, aber als ich letztes Wochenende mal wieder 7 Stunden für 150km u.a. eingepfercht im Schienenersatzverkehr neben einem mich dauerhaft abschlabbernden Hund verbrachte, fiel es mir äußerst schwer, die Fahne für die Bahn hoch zu halten. Also brauche leider doch noch den Individualverkehr, aber jetzt wenigstens elektrisch.

Nach knapp 50.000 Kilometern quer durch Europa, von Schweden nach Kroatien, von Tschechien nach Südfrankreich, von Österreich nach Italien habe ich einiges erlebt.

Das Elektroauto ist – wenn man es richtig fährt – im Energieverbrauch deutlich effizienter als ein Verbrenner. Richtig fahren heißt, dass irgendwo bei 120km/h, maximal 130km/h der Sweetspot ist. Alles darüber verbraucht übermäßig sinnlos Strom. Der Fahrt-Widerstand nimmt quadratisch mit der Geschwindigkeit zu und da kannste noch so sehr „Freie Fahrt für freie Bürger“ auf dem CDU-Parteitag rumbrüllen, Naturgesetze interessieren sich nicht für sinnloses Rasen, das am Ende keinerlei Zeitersparnis bringt. Beim Batteriemobil merkt man den Energiebedarf schneller als beim Verbrenner, weil man halt weniger Energie dabei hat.

Kommen wir nun zu gefährlichem Halbgoogeln; und wenn auch nur die Hälfte meiner nun folgenden Zahlen stimmt, gewinnt immer das Elektroauto. Mathe war nie meine Stärke, ich vesuch’s trotzdem mal:

Ein Liter Super-Benzin hat eine Energiedichte von ca. 8,4 kWh/l. Das meisterverkaufte Auto in Deutschland, ein VW Golf, braucht irgendwas zwischen 5 und 6 Litern. Sind wir mal so nett und nehmen 5 an. 5 mal 8,4 macht 42kWh. Dazu kommt, dass die Brühe irgendwo in Saudi Arabien aus dem Boden gepumpt wird, dann weiterverarbeitet wird um mit dem Schiff nach Deutschland gebracht wird, wo sie nochmal weiterverarbeitet wird um dann mit dem Tanklaster zu Deiner Lieblings-wir-reißen-uns-sechs-Beine-für-Sie-aus-Agip gebracht wird. Keine Ahnung, wie viel Energie dabei drauf geht, but I would say: It is a lot. Meine Karre verbraucht im Mittel real 16kWh auf 100km. Im Sommer deutlich weniger, im Winter deutlich mehr. Also nicht mal 2 Liter Benzin, aber meine Energie KANN lokal gewonnen werden und ist dank der Sonne für die nächsten 8 Milliarden +/– 10 Jahre verfügbar, was mir erst mal langt. Für danach findet sich was.

„ABER DIE SELTENEN ERDEN!!!111!!111!!“. Ja das ist Kacke, aber Batterietechnik hat noch Potential, sich weiterzuentwickeln um bessere Lösungen zu finden. Erdöl und dessen Förderung wird nicht mehr geiler, eher im Gegenteil, ich schaue auf euch, Deepwater Horizon und Ölsand-Tagebau.

Auch lernen wir daraus: Entweder ist Benzin, wenn wir die Energiedichte als Berechnungsgrundlage anlegen viel zu billig oder Strom ist viel zu teuer. 1,55€ durch 8,4kWh macht ca. 18 Cent für eine theoretische Kilowattstunde Benzinstrom.

„Was zahlst Du denn jetzt auf 100 Kilometer?“ dürfte eine der meist gestellten Elektro-Auto Fragen sein, die ich so höre. Und die ist nicht leicht zu beantworten, da sich das ständig ändert. Die billigsten Kilowattstunden habe ich für 0 Cent bekommen (und gerade vor 2 Jahren waren das noch sehr viele!) die teuersten habe ich für 70 Cent gekauft. Aktuell kostet mich AC ca. 60 Cent und DC ca. 40 Cent. Das ist zu viel für AC. Vor allem aber ist das falsch rum: DC, also das was man auf der Langstrecke lädt um mach 10-20 Minuten weiterzukommen, ist technisch deutlich aufwändiger und schädigt auf Dauer den Akku. Tesla hat hier die Preise aber vor ein paar Monaten massiv reduziert, vermutlich um mehr Autos zu verkaufen und den Leuten zu zeigen, wie gut ihr Ladenetz funktioniert. Ein paar Monate zuvor waren die Supercharger alle verwaist und man stand bei der Konkurrenz nebenan zum Laden.

AC, also langsam und batterieschonend laden kostet gerade so um die 60 Cent, also viel zu viel um die Leute über den Kostenaspekt zu kriegen, die keine Photovoltaik auf dem Dach haben oder allgemein nicht zu Hause an der Wallbox laden können.

Überhaupt sehe ich AC als das viel größere Problem an aktuell: Die Städte haben viel zu geringe Ladekapazitäten. Das Olympiadorf in München hatte zuletzt 4 Ladesäulen. Also können 4 Leute über Nacht ihr Auto laden. Applaus!

Und dann natürlich der Endgegner: Das Ladekarten-Ladeapp-Ladetarif-Casino. So eine Ladesäule hat ja keine Anzeige wo „60c/kWh“ steht, sondern abhängig von der Karte oder App, die man verwendet, wird der Preis festgelegt. Der Betreiber der Säule bietet meist einen „Ad-hoc“ Tarif ab. Der ist fast immer teurer, als die Karte von einem anderen Anbieter hinzuhalten. Nicht jede Karte oder App geht aber an jeder Ladesäule. Das kommt auf die abgeschlossenen Roaming Abkommen an. Manchmal geht auch nur die App. Manchmal nur die Karte. Manchmal geht auch gar nichts. Über all die möglichen Kombinationen könnte ich Bücher schreiben (ach ja einen Roman schreiben, DAS wäre doch was!) aber fassen wir es so zusammen: Es ist komplett unübersichtlich, undurchschaubar und einfach kompletter Irrsinn, am Ende denkt man meistens, man hat zu viel bezahlt. Bitte regulieren Sie das. Danke.

Ja, ab und zu muss man planen, wo man mit wieviel Akku-Kapazität ankommt. Man kriegt da aber ein Gefühl dafür und das Phänomen „Range-anxiety“ verliert man irgendwann. Es ist anders, als zu tanken, aber es ist nicht schlechter, nicht viel langsamer und nicht teurer. Nach 2 Jahren E-Auto fühlt sich Verbrenner-fahren ein bisschen nach Röhrenmonitor, VHS-Rekorder und Alkopop an. Hatte alles mal seine Zeit, aber the world moved on. Jetzt müssen die Autos hauptsächlich günstiger und kleiner werden. Also genau das Gegenteil von BMWs Elektrostrategie. Die haben sich dazu entschieden, gepanzerte Monstertrucks mit Nacktmull-Zähnen auszustatten die jeweils 4 Parkplätze benötigen und den selben kWh Verbrauch wie ein Verbrenner haben. Vielleicht haben sie dafür aber noch den 10-fach-Wechsler, träum.

Mein Wunsch fürs nächste Auto: Kein Auto. Irgendein funktionierendes, immer verfügbares und bezahlbares Sharing Konzept wäre der Wahnsinn. Individualverkehr mit Autos, die 95% ihrer Existenz damit verbringen, öffentliche Flächen zu blockieren sind einfach komplett bescheuert. Bis dahin reite ich das Model 3 hoffentlich in den Sonnenuntergang, bis Musk sich überlegt, jede Fahrt auf 60 Kilometer zu beschränken, außer man kauft sich einen blauen Twitter-Haken. Und dann fahre ich einfach mit dem Rad.

Die Prinzen wussten es bereits 1991:Jeder Popel fährt 'nen Opel, jeder Affe fährt 'nen Ford, jeder Blödmann fährt 'nen Porsche, jeder Arsch 'nen Audi Sport, jeder Spinner fährt 'nen Manta, jeder Dödel Jaguar. Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da.”


Lyrics: Von Wegen Lisbeth – Elon

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